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HEINZ Magazin Wuppertal 03-2016

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HEINZ Magazin März 2016, Ausgabe für Wuppertal, Solingen, Remscheid

Ungerer incognito

Ungerer incognito Unbekannte Kunst, geheimnisvolle Räume Gleich zwei Einzelausstellungen von zwei weltbekannten Größen eröffnet das Museum Folkwang im März. Der Fotograf Thomas Struth zeigt rätselhaft ausgestattete Orte und Funktionsräume, die Neugier wecken. Und Tomi Ungerer, der provokative Grafiker und Satiriker mit spitzer Feder, stellt sich in einer großen Retrospektive erstmalig als Künstler vor: als Meister der Collage in Bild und Skulptur. S o kennt man Tomi Ungerer noch nicht: Mit über 80 Kinderbüchern hat der gebürtige Straßburger Weltruhm erlangt. Und seine oft derben, verstörenden, mitunter erotisch pikanten Bilderbücher für Erwachsene haben seinerzeit provoziert, polarisiert – und aufs Vergnüglichste unterhalten. Ein Freigeist, weltbekannt als Illustrator und Autor. Das Museum Folkwang präsentiert ihn nun aber von einer unbekannten Seite: Ungerer, 1931 geboren, arbeitet seit den 1950er Jahren auch als freischaffender Künstler, vorwiegend im Bereich Collage und Assemblage – auf der Bildfläche und skulptural, indem er für seine kleinen Objekte das Prinzip der Collage ins Dreidimensionale überträgt. Collagieren hat viel mit Freiheit zu tun: Man ist so frech und frei, vorgefundene Motive, Bildausschnitte oder Alltagsdinge aus ihrem Zusammenhang zu reißen und nach Form, Farbe und Bedeutung neu zu kombinieren und somit thematisch umzudeuten. Wie in seinen Zeichnungen nimmt Ungerer das Verhältnis von Mann und Frau aufs Korn. Auf einer The Bait, 2010, Collage, The Tomi Ungerer Collection, Ireland, © Tomi Ungerer (oben); Pride and Prejudice, 2012, Collage, Sammlung Philipp Keel, © Tomi Ungerer (unten) Fotocollage dümpelt eine nackte Sonnenanbeterin sorglos auf einer Luftmatratze im Wasser. Wie eine Tsunami-Wand taucht hinter ihr ein monströser, geradezu dämonischer Wettkampfschwimmer auf, mit aufgerissenem Schlund direkt über der Frau („The Bait”, 2010). Viele Bilder haben surrealen Charme, doch oft auch einen hinterhältig schwarzen Humor von der Art, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Da ist dieses Schwarz-Weiß-Foto eines beinamputierten Kriegsversehrten zwischen Ruinen, der auf Krücken durch ein Spalier aus hochgereckten stöckelschuhbewehrten Frauenbeinen humpelt („Journey’s last leg”, 2005). Erotik bleibt eines von Ungerers zentralen Themen, der Körper und seine Teile sind Fetische und Objekte der Begierde – verknotet, fragmentiert, verletzt oder lasziv demonstriert. Auch Tiere kriegen ihr Fett weg, haben Zahlen und Buchstaben als Körperteile, eine 2 wird Elefantenrüssel, ein Schuh zum Schweinegesicht, Ginkgoblätter zu Elefantenohren, Farnwedel zu Fischgräten. Ein ameisenbärähnliches Wesen, aus Weinfässern kombiniert, frisst Trauben und scheißt Miniatur-Weinfässer. Gesellschaftskritik blitzt durch, wenn afrikanische Kinder mit aufgequollenen Hungerbäuchen auf einen grinsenden Muskelmann starren, der auf einem Burger balanciert. Autoreifenberge verschmelzen grafisch mit fröhlich winkenden Menschenmassen. Auch die Skulpturen funktionieren nach diesem Prinzip: Ein Hochzeitspaar in Puppenformat steht vor einer Mausefalle mit Babypuppe als Köder („The Trap”, 2010). Die Ausstellung „incognito”, basierend auf einer Idee von Folkwang-Direktor Bezzola (in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich), versammelt rund 160 Collagen, Zeichnungen und Plastiken aus fünf Jahrzehnten. Die meisten dieser Werke entstanden als freie Kunst und – anders als die illustrativen Auftragsarbeiten – abseits der Öffentlichkeit, also quasi inkognito. Und sie sind selten oder nie gezeigt worden. Der 84-jährige Ungerer, der die Präsentation mitkonzipiert hat, steuerte einen Großteil der Exponate aus eigenem Besitz bei. Im Zentrum stehen Collagen und Assemblagen der letzten 15 Jahre, die eine gewisse Altersmilde des Meisters belegen. Tomi Ungerer – konzentriert auf wenige Farben, Formen und Bildelemente auf koloriertem Bildhintergrund. Manches ist zugegeben ein bisschen platt, doch immer plakativ und mit Witz auf den Punkt gebracht. Claudia Heinrich ❚ TOMI UNGERER. incognito Museum Folkwang, Museumsplatz 1, Essen; Dauer: 18.3.-16.5., Di/Mi/Sa/So 10-18 Uhr, Do/Fr 10-20 Uhr; www.museum-folkwang.de 56 | HEINZ | 03.2016

1 Chemistry Fume Cabinet, The University of Edinburgh, 2010, Inkjet Print; 2 Aquarium, Atlanta, Georgia, 2013, Chromogenic Print; 3 Ride, Anaheim, 2013, Chromogenic Print (alle © Thomas Struth) Geheimnisvolle Welten Die Fotoausstellung „Nature & Politics” von Thomas Struth setzt einen Kontrapunkt zu Tomi Ungerers drastischer Bildwelt. Wo Ungerer zuspitzt und pointiert, geht es Struth um das Rätselhafte, Offene, das Fragen aufwirft (und nicht beantwortet). Der Fotograf hat in den letzten Jahren Orte und Räumlichkeiten aufgesucht, die Geheimnisse bergen und genau damit die Fantasie der Betrachter ankurbeln. Höchst unterschiedlich sind diese Orte – Forschungseinrichtungen, industrielle Produktionsanlagen, Erlebnisparks, sakrale Räume – und höchst mysteriös ihre Funktion: für Menschen gestaltete Architektur voller Maschinen, merkwürdiger Objekte, Einbauten, Kabel, Rohre und anderem sonderbarem Interieur, doch auf Struths Fotos meistens menschenleer. Räume für Experten, die (anders als die Betrachter) wissen, was sie hier zu tun haben. Mit rund 35 großformatigen Fotografien gewährt Struth Einblicke in verborgene, spröde, doch seltsam verzauberte Welten des technischen Fortschritts. Claudia Heinrich ❚ THOMAS STRUTH. Nature & Politics Museum Folkwang, Museumsplatz 1, Essen; Dauer: 4.3.-29.5., , Di/ Mi/Sa/So 10-18 Uhr, Do/Fr 10-20 Uhr; www.museum-folkwang.de

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