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HEINZ Magazin Essen 02-2016

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HEINZ Magazin Februar 2016, Ausgabe für Essen

KINO TIPP DES MONATS

KINO TIPP DES MONATS Dead or alive Massaker in Minnies Miederwarenladen Nachdem Quentin Tarantino „Django” von der Kette gelassen hat, schickt er jetzt einen weiteren schwarzen Rächer ins Revolvermann-Genre. Der achte Tarantino-Film heißt beziehungsreich „The Hateful 8” und ist eine kuriose Mischung aus Western-Hommage, Outlaw-Epos, Whodunit- Krimi und Selbst-Retrospektive. Das Shootout mit Splatter-Spektakel ist selbstverständlich inbegriffen. Es ist Winter geworden im Wilden Westen. Nach Iñárritus eiskalter Überlebensgeschichte „The Revenant“ lässt auch Tarantino einen frostigen Wind durch die menschenfeindliche (Seelen-)Welt seiner Handlung wehen. In der ausgedehnten Eröffnungssequenz zoomt er zum Soundtrack von Ennio Morricone minutenlang aus der Nahaufnahme der Christusfigur am Wegkreuz in die Totale der verschneiten Landschaft von Wyoming heraus. Der Film beginnt als Roadmovie mit Anleihen bei John Fords Klassiker „Ringo“. Nach und nach steigt eine kuriose Reisegesellschaft in die Kutsche ein. Obwohl der Kopfgeldjäger John „der Henker“ Ruth den Sechsspänner exklusiv für den Transport der gefangenen Banditin Daisy Domergue zum Galgen in Red Rock gechartert hat, sieht er sich gezwungen, den Kollegen Marquis Warren (mit eigener, aber toter „Beute“) und dann auch Chris Mannix, den zukünftigen Sheriff von Red Rock, als Anhalter mitzunehmen. Vor einem herannahenden Blizzard wollen sie Schutz suchen in Minnies Miederwarenladen, einem seltsamen „tarantinesken“ Geschäftsmodell aus Poststation und Saloon, in dem in der menschenleeren Einöde alles zu finden ist – außer Miederwaren. Dort treffen die Handelsreisenden in Sachen „dead or alive” zwar nicht auf die Geschäftsinhaberin, aber auf eine weitere Gruppe ominöser Wintertouristen. Der Kreis scheint sich zu schließen, denn hier wartet mit Oswaldo Mobray der Henker für Daisy Domergue. Für zusätzliche Brisanz sorgt die Anwesenheit des Generals Sandy Smithers. Der vormals berüchtigte Konföderierten-Offizier ist Idol des rassistischen Südstaatlers Chris Mannix und gleichzeitig Intimfeind des Schwarzen Marquis Warren, der die Dixie-Truppen einst als Kavallerie-Major der Nordstaaten das Fürchten lehrte. Eine völlig undurchsichtige Rolle spielen der Mexikaner Bob, der angeblich die verreiste Minnie vertritt, und der vierschrötige Pistolero Joe Gage. Hier kann keiner keinem trauen, schließlich ist allein die herzensschlechte Daisy ein erkleckliches Kopfgeld von 10.000 Dollar wert. Als Daisys Bewacher John Ruth plötzlich tot zusammenbricht, ist allen klar, dass hier mit falschen Karten gespielt wird. In sechs Kapitel hat Tarantino sein knapp dreistündiges Epos gegliedert. Dabei wandelt sich der Film nach einstündiger Kutschpartie rauher Gesellen zur Detektivgeschichte, in der Warren mit cleverer Kombinationsgabe das Befreiungskomplott von Daisy Domergue aufdeckt. Doch 52 | HEINZ | 02.2016

2015 THE WEINSTEIN COMPANY Trash und Tiefsinn – Wunderkind und Kindskopf Wenn es um die psychischen Spätfolgen eines übermäßigen Konsums von Gewaltfilmen geht, mag Quentin Tarantino ein aussagekräftiges Beispiel sein. Benannt nach einer Figur aus der Westernserie „Rauchende Colts”, verbrachte er als Kind einer alleinerziehenden Mutter die 1970er Jahre in den schäbigen Vorstadtkinos von Los Angeles. Sein Faible waren Kung-Fu-Filme und ohne hohe Produktionskosten gedrehte Blaxploitation-Streifen, die auf explizite Sexund Actionszenen setzten. Der Legastheniker Tarantino brach mit 15 die Schule ab und widmete sich der Schauspielerei. Durch seine profunden Filmkenntnisse bekam er 1983 einen Job in einem Video- Archiv und begann mit dem Schreiben eigener Drehbücher. Ein erstes Buch wurde 1987 verfilmt, der Film ging jedoch großteils bei einem Brand verloren. Das zweite Werk „The Open Road” galt erst als unverfilmbar und wurde später in „True Romance” (1993, Regie: Tony Scott) und „Natural Born Killers” (1994, Regie: Oliver Stone) aufgeteilt. Doch da hatte Tarantino bereits mit dem Heist-Movie „Reservoir Dogs” einen Achtungserfolg erzielt. Der Schauspieler Harvey Keitel finanzierte die Produktion teilweise und spielte eine Hauptrolle. Gleich darauf gelang der Durchbruch mit „Pulp Fiction”. Bruce Willis und John Travolta verzichteten auf ihre Standardgagen, um das Budget von 8,5 Mio. Dollar nicht zu gefährden. Nach dem Triumph beim Filmfestival von Cannes spielte der Film über 200 Mio. ein und war der erfolgreichste Indie-Film seiner Zeit. Absurde Dialoge zwischen Infantilität und Tiefsinn, makabere Gewaltgags und ein exzessiver Blutzoll waren das Markenzeichen eines gesellschaftsfähig gewordenen Bad-Taste-Kultes um die eigenwillige Mischung aus 31-jährigem Kino-Wunderkind und trivialem Kindskopf. Danach konnte Tarantino aus dem Vollen seiner Kino-Sozialisation schöpfen: mit „Jackie Brown” und „Kill Bill” widmete er sich den B- Filmen seiner Jugend. Einen Wesensverwandten hatte er bereits in dem Mexikaner Robert Rodriguez gefunden, mit dem er „From Dusk Till Dawn” und das „Grindhouse”-Double Feature produzierte. Dann schickte Tarantino seine Helden in den Kampf für die gute Sache: In den legasthen buchstabierten „Inglourious Basterds” ging eine jüdische GI-Einheit auf Nazi-Jagd, und in „Django Unchained” gibt es Saures für die weißen Sklaventreiber des Südens. In seinem achten Film strebt Tarantino so etwas wie eine vorsichtige Aussöhnung mit den Südstaaten an – was man so von ihm als Vermittlung erwarten kann. Noch zwei Filme will der 52-Jährige machen, verkündete er jetzt zum Start von „The Hateful 8”. Dann wäre er 60 und könnte auf der Höhe seiner Kunst aufhören. Er wolle sich jedenfalls nicht in die Reihe von impotenten Regisseuren einreihen, die es eigentlich nicht mehr bringen, aber einen Film nach dem anderen drehen. dabei hat er eines übersehen: Bei Tarantino gibt es einen blutigen Showdown. Anders als bei „Django” ist diesmal allerdings kein Happy Ending für den schwarzen Protagonisten vorgesehen. Für Cineasten macht der Film seinem Titel „The Hateful 8” alle Ehre. Der einst gefeierte Kultregisseur kreist vornehmlich um sich selbst; Neues gibt es praktisch nicht zu sehen. Neben altbekannten Verbeugungen vor den Trashfilmen der 1970er und dem Italo-Western der 1960er Jahre bereitet er Versatzstücke früherer Werke auf – von „Reservoir Dogs” über „Pulp Fiction” und „Inglourious Basterds” bis „Django Unchained”. Dabei schont er sein Lineup altgedienter Stammschauspieler wie Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Tim Roth und Michael Madsen nicht, am meisten muss jedoch Jennifer Jason Leigh aushalten. Die Desperada ist zwar alles andere als damenhaft, aber dafür kriegt diese Calamity Jane regelmäßig von ihren Begleitern auf die lückenhafte Kauleiste. Allein dafür ist die Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin angemessene Entschädigung. philipp koep ❚ (THE HATEFUL 8) USA 2015, 167 Min., Regie u. Buch: Quentin Tarantino, mit: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins, Demian Bichir, Tim Roth, Michael Madsen; Start: 28.1. Nordeuropa zu Gast in Essen SKANDINAVIENWELT BEI DER REISE + CAMPING IN ESSEN 24.–28. Februar 2016 Norbertstraße 45131 Essen Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr Eintrittspreise: Tageskarte: 9,00 Euro (ermäßigt 7,00 Euro) Familienkarte: 15 Euro www.skandinavienwelt.de www.die-urlaubswelt.de 24.28.02.2016

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