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HEINZ MAGAZIN DORTMUND 04-2017

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HEINZ Magazin April 2017, Ausgabe für Dortmund

KINO ÜBERSICHT

KINO ÜBERSICHT HEINZ-AUTOR SALZGEBER & CO DIE UNSICHTBARE SEITE I Am Not Your Negro ■ Im Jahr 1979 beschloss der schwarze Schriftsteller James Baldwin, seine „Reise“ nach Amerika zu beschreiben. Angetrieben von dem Wunsch seinen Beitrag zu leisten, war Baldwin Mitte der 50er-Jahre aus Paris in die USA zurückgekehrt, um am Kampf der Bürgerrechtsbewegung teilzunehmen. Baldwins „Reise“-Beschreibung fand sich als unvollendetes Manuskript im Nachlass des 1987 gestorbenen Baldwin. Raoul Peck hat die Texte Baldwins mit Bildern und Dokumenten zu einer essayistischen Geschichte der anderen, dunklen (und schwarzen) Geschichte Amerikas illustriert. „Geschichte ist nicht Vergangenheit, sie ist die Gegenwart,“ schrieb Baldwin. Peck belegt diese These effektvoll mit aktuellen Bildern des täglichen Rassismus in den USA. Wie in seinem Biopic „Der junge Karl Marx“ verschreibt sich Raoul Pecks Kino dem Kampf gegen die Unterdrückung. Hier freilich ungleich kraftvoller. pk ❚ (I AM NOT YOUR NEGRO) USA/F/B/CH 2016, 95 Min., Buch: Raoul Peck; Start: 30.3. GEIZ IST GÄHN! Nichts zu verschenken ■ Der Boon-Boom hat den Erfolg der „Sch’tis“ nicht überlebt, das liegt wohl auch an den französischen Nullachtfünfzehn-Komödien, mit denen Dany Boon seither immer wieder in Deutschland präsentiert wird. Nach „Eyjafjallajökull“, „Der Super-Hypochonder“ und „Lolo – Drei sind einer zuviel“ schlägt nun „Nichts zu verschenken“ in die alte Scharte neurotischer Kapriolen. François ist ein virtuoser Geiger, aber ein noch virtuoserer Geizkragen. Seine Knauserigkeit ist ebenso berüchtigt wie besessen, der Schweiß bricht ihm aus, wenn er an Ausgaben denkt. Als sich ihm eines Tages eine junge Frau als seine Tochter Laura vorstellt, bricht er in Panik aus: Denn Kinder kosten Geld. Noch prekärer wird die Lage, als sich die attraktive Cellistin Valérie für ihn interessiert und Laura François als Gönner präsentiert. Unglaubwürdige Klamotte, die man sich getrost sparen kann. pk ❚ NICHTS ZU VERSCHENKEN (Radin!) F 2016, 90 Min., Regie: Fred Cavayé, mit: Dany Boon, Laurence Arné, Noémie Schmidt, Patrick Ridremont; Start: 6.4. MARGOT SIMONNEYJERICO PHILIPP KOEP Jedem Ende wohnt ein Anfang inne Im April heißt es Abschied nehmen, nicht nur vom Winter! Der große Melancholiker Aki Kaurismäki präsentiert mit „Die andere Seite der Hoffnung“ seinen angeblich letzten Film: eine Flüchtlingsfarce mit vorsichtig optimistischem Ende (Start: 30.3., siehe Story). Abschied nehmen heißt es auch in „The Founder“ von der Selfmade-Legende des McDonald’s-Gründers Ray Croc, den John Lee Hancock als ziemliches Ekel präsentiert (Start: 20.4.). Abschied von sich selbst nimmt Shirley MacLaine in „Zu guter Letzt“ (13.4.), als resolute Unternehmerin nimmt sie ihren Nachruf selbst in die Hand. Auch 62 Jahre nach ihrem Kinodebüt können die Redaktionen ihren tatsächlichen Nachruf noch nicht vorschreiben. Angemessen verabschiedet wird auch der infame Holocaust-Leugner David Irving, dem in „Verleugnung“ (13.4.) gründlich der filmische Prozess gemacht wird. Unverwüstlich zeigt sich jedoch Iggy Pop, dem Jim Jarmusch mit „Gimme Danger“ seine filmische Referenz erweist. Philipp Koep ALAMODE FILM GOLDRAUSCH – RAUSCHGOLD Gold LEHRE FÜR EINEN UNBELEHRBAREN Verleugnung ■ Der britische Publizist David Irving veröffentlichte sich in den 1960ern mit einigen Büchern über den Luftkrieg zum Experten und wurde trotz abgebrochenem Studium als Weltkriegs-Historiker anerkannt. Mit angeblichen Quellenfunden behauptete er immer schrillere Thesen, die schließlich in der Leugnung des Holocausts kulminierten. Obwohl seine unsauberen Methoden und Manipulationen längst nachgewiesen waren, wurde ■ Reich zu werden ist nicht schwer, reich zu bleiben, das ist die wahre Herausforderung, der sich Kenny Wells stellen muss. Vom Glück ist der Minen-Erbe nicht unbedingt verwöhnt, er ist fast pleite und ertränkt den Frust an der Bar. Doch das Schicksal hat ihn mit viel Optimismus ausgestattet, im Suff offenbart sich ihm eine Glücksvision. So sucht er sein Glück im Dschungel von Borneo, tatsächlich kann er dort eine Goldmine aufspüren. Bald verhandelt der einstige Loser mit Wallstreet-Magnaten und aalt sich im Erfolg. Doch dann muss er erkennen, dass es den neuen Freunden vor allem darum geht, ihm das Gold abzujagen. Frei nach einer wahren Geschichte aus den 1990ern, die sich als riesiger Goldschwindel entpuppte, erzählt Stephen Gaghan die schelmische Abenteuergeschichte mit Matthew Conaughey im bewährten Ganzkörper-Einsatz. pk ❚ (GOLD) USA 2017, 120 Min., Regie: Stephen Gaghan, mit: Matthew McConaughey, Bryce Dallas Howard, Édgar Ramirez, Corey Stoll, Toby Kebbell; Start: 13.4. SQUAREONE/UNIVERSUM SEHNSUCHTSORT MIT SAFARI-AMBIENTE A United Kingdom ■ Das ganze britische Empire hatte sich gegen sie verschworen und sein Königreich ebenso. Der schwarze Kontinent ist einmal mehr weiblicher Sehnsuchtsort romantischer Liebe mit Safari-Ambiente. Die „weiße Massai“ ist diesmal Engländerin und die „wahre Geschichte“ hat durchaus weltpolitisches Format. Doch das bietet eher den dramatischen Hintergrund einer großen Liebesgeschichte, die letztlich gegen alle Widrigkeiten ihr Happy Ending findet. Im Jahr 1947 verliebt sich Seretse Khama, der König von Botswana, in London in die Büroangestellte Ruth Williams. Als die beiden heiraten, kommt es zum Skandal: Seretses Onkel versagt ihm die Gefolgschaft und die britische Kolonialregierung fürchtet einen Eklat mit dem Apartheids-Regime im benachbarten Südafrika. Es beginnt eine harte Prüfung der Ehe im Geflecht politischer Winkelzüge des Kalten Krieges. pk ❚ (A UNITED KINGDOM) GB 2016, 111 Min., Regie: Amma Asante, mit: David Oyelowo, Rosamund Pike, Tom Felton, Laura Carmichael, Jack Davenport; Start: 30.3. der Engländer zum Kronzeugen des Neo- Nazismus. Als ihn die jüdische Historikerin Deborah Lipstadt als Holocaust-Leugner bezeichnete, reichte Irving eine Verleumdungsklage ein. Nun musste die Amerikanerin ihm seine Schuld beweisen, eine willkommene Bühne für den Polemiker – und sein Waterloo. Mick Jackson’s Film schildert den Prozess als spannendes Courtroom-Drama über den Umgang mit alternativen Fakten. pk ❚ VERLEUGNUNG (Denial) GB/USA 2016, 111 Min., Regie: Mick Jackson, mit: Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott; Start: 13.4. STUDIOCANAL GMBH, ATSUSHI NISHIJIMA 50 | HEINZ | 04.2017

STUDIOCANAL GMBH, DANNY FIELDS & GILLIAN MCCAIN TOBIS FILM FAST FOOD-EFFEKT The Founder SCHICKSAL ODER SCHEUSAL? Zu guter Letzt ■ John Lee Hancock serviert die Frühgeschichte des McDonald’s-Imperiums in sensorischer Nachahmung des Burger-Verzehrs. Der Zuschauer mag ein konventionelles Biopic für den Massengeschmack erwarten, doch nach den ersten Bissen stößt die glatte Erfolgsgeschichte im nostalgischen 1950s- Look sauer auf. Ray Croc, gespielt von Michael Keaton, der von seiner Erfolgsidee besessene Mann hinter dem Aufstieg der Burgerbraterei der McDonald’s-Brüder, kommt zunächst als Träumer daher. Doch im Verlauf des Films entwickelt sich die Erfolgsgeschichte zunehmend zur bizarren Studie unternehmerischer Pathologie: Croc ist ein Egomane, dem moralische Werte nur hohle Fassade sind. Auch wenn gerüchteweise noch so manche Fiesigkeit des „Gründers“ herausgeschnitten wurde: Als Firmenporträt kommt der vergällte Burger nicht auf den Tisch. pk ❚ (THE FOUNDER) USA 2016, 115 Min., Regie: John Lee Hancock, mit: Michael Keaton, Nick Offermann, John Carrol Lynch, Laura Dern, Linda Cardellini; Start: 20.4. GREATEST ROCK’N’ROLL BAND EVER Gimme Danger ■ Der Godfather des Punk ist auch mit knapp 70 noch nicht zur Ruhe gekommen und turnt mit nacktem Oberkörper seine „Lust for Life“ auf der Bühne aus. Nun hat Jim Jarmusch James Osterberg, der sich einst Iggy Pop taufte, und seiner legendären Band The Stooges eine filmische Hommage geschaffen, die an die Anfänge in den 1960er- Jahren erinnert. Lange vor den „Sex Pistols“ lebten die Amerikaner im Umfeld von John ■ Harriet Lauler ist in dem Alter, wo die Todesanzeigen interessanter werden als der Rest der Zeitung. Die resolute Dame pflegt die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und beauftragt kurzerhand die junge Journalistin Anne Sherman, ihren Nachruf zu verfassen, und händigt ihr gleich eine Liste der zu Befragenden aus. Die Recherche fällt wenig schmeichelhaft aus: Als Ehefrau gescheitert, als Mutter gehasst und als Geschäftsfrau gefürchtet. Obwohl kaum von Selbstzweifeln geplagt, erkennt Harriet Handlungsbedarf, mit Anne macht sie sich auf den Weg zu Tochter, Exmann und Exfirma. Anne entdeckt in der Greisin das Schicksal einer Frau, die sich von der Männerwelt nicht unterkriegen lassen wollte. Shirley MacLaine spielt sich als „grumpy old woman“ in die Herzen der Fans, die sie seit über 60 (!) Jahren bewundern, und deren Töchter und Enkelinnen. pk ❚ ZU GUTER LETZT (Last Words) USA 2017, 108 Min., Regie: Mark Pellington, mit: Shirley MacLaine, Amanda Seyfried, Anne Heche, Thomas Sadoski; Start: 13.4. Cale und Lou Reed die Mischung aus Bürgerschreck und exzessivem Rock’n’Roll, die später – als die „Stooges“ (Die Strohmänner) schon aufgelöst waren – als Punk populär wurde. Ihre musikalische Inspiration nahmen sie von einer Dampframme, und Konzerte gerieten regelmäßig aus den Fugen. Eine Dokumentation, bei der Jarmusch keinen Hehl aus seiner Perspektive als Fan der „greatest Rock’n’Roll band ever“ und des unverwüstlichen Frontmannes Iggy Pop macht. pk ❚ (GIMME DANGER) USA 2016, 108 Min., Regie: Jim Jarmusch, mit: Iggy Pop, Ron Asheton; Start: 27.4. SPLENDID FILM

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