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HEINZ Magazin Bochum 01-2016

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HEINZ Magazin Januar 2016, Ausgabe für Bochum, Herne und Witten

Schön sammelwütig

Schön sammelwütig Leben ist Kunst Seine erste große Einzelausstellung hierzulande ist eine material- und bildreiche Referenz an das Leben, ist Erinnerungsarbeit und – trotz ihres konzeptuellen Nachdrucks – auf jeden Fall auch ein bisschen melancholisch, kreisen seine Arbeiten doch um Themen wie Zeit und Vergänglichkeit. Der chinesische Künstler Song Dong verwandelt die Kunsthalle Düsseldorf in eine Asservatenkammer der eigenen Biografie. Song Dong, Portrait des Künstlers (Foto: Katja Illner) Song Dong: Metal, Wood, Water, Fire, Earth, 2012 (Foto: Katja Illner) 56 | HEINZ | 01.2016

ZHAO XIANGYUAN (1938-2009) UND SONG DONG: „WASTE NOT“, 2005 – FORTLAUFEND (FOTO: KATJA ILLNER) D er große Kinosaal der Kunsthalle ist bis in die letzten Ecken vollgestopft mit bunten Artefakten und Krimskrams, mit Schüsseln und Eimern, Töpfen und Deckeln, Kisten und Kästen, mit Arzneimittelschachteln, Plastikflaschen, Schuhen, Kleidern und Garnrollen, mit Werkzeugen, Blumentöpfen und Plüschtieren. „Waste Not“ ist eine gigantische Installation, die der chinesische Künstler Song Dong vor einigen Jahren zusammen mit seiner Mutter, Zhao Xiangyuan, geschaffen hat. Ein Sammelsurium an Gegenständen, persönlich, gewöhnlich und eigentlich banal. Song Dongs Mutter stammt aus einer wohlhabenden Familie, sein Vater wurde 1949 ins Taiwanesische Exil gezwungen, später noch einmal verhaftet und in einem Umerziehungslager interniert. Zhao Xiangyuan und ihr Mann verloren, wie Millionen anderer Chinesen seit Maos „Kulturrevolution“ in den 1960er und 70er Jahren, ihr bisheriges Leben und gesamtes Habe, verarmten und waren fortan gezwungen, zu sparen. Das war der Zeitpunkt als Zhao Xiangyuan zu sammeln begann, alles wurde aufbewahrt, nichts weggeschmissen. Heute würde man sie wohl eine Messi nennen. Ihre Kinder sahen, dass die Mutter sich weiterhin, besonders seit dem Tod ihres Ehemannes 2002, geradezu obsessiv mit den alten Gegenständen umgab und sie fanden, das müsse ein Ende haben. Doch anstatt die ganzen aufbewahrten Dinge einfach im Müll zu entsorgen, entschieden Song Dong und seine Mutter, sie zu recyceln und in die Installation „Waste Not“ (2005) zu überführen. Dort haben nun über 50.000 Teile eine neue Bestimmung gefunden: neben den Haushaltsgegenständen auch Stifte, Einkaufstüten, Flaschenverschlüsse, Spielzeug und vieles mehr, in Reihen und Haufen jetzt um den Holzrahmen eines kleinen Hauses herum fein säuberlich sortiert und ordentlich aufgereiht. Eine ergreifend private Note bekommt das Ganze spätestens mit der Collage aus fast leeren, ausgequetschten Zahnpastatuben, die die Mutter nicht wegwerfen konnte und die jetzt wie ein serielles Objekt und vertrautes Memento Mori an die vergehende Zeit und ihre täglichen Pflichten erinnern. Offensiv gingen Mutter und Sohn mit der Obsession um, die alte Frau wurde ob ihrer selbsttherapeutischen Sammelwut keineswegs der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern einbezogen und ernst genommen. Ansonsten wäre ihre Bloßstellung zum Zweck der eigenen Karriere des Künstlersohnes schlechterdings nicht zu ertragen. So aber fand Zhao Xiangyuan es am Ende sogar gut, dass sie dazu hat beitragen können, ihren Sohn berühmt zu machen. 1989, im Jahr des Massakers an den protestierenden Studenten rund um den Pekinger Tian’anmen-Platz, hatte Song Dong aufgehört zu malen. Der Künstler (*1966 in Peking und Ehemann der Künstlerin Yin Xiuzhen), ursprünglich ausgebildet als Maler, ist heute einer der bekanntesten, international agierenden chinesischen Multimediakünstler, der gerne mit Kunstformen wie Performance, Fotografie, und Video-Installationen experimentiert. Seine konzeptuellen Arbeiten drehen sich seither immer wieder um Themen wie Vergänglichkeit und Verlust, um das Verschwinden und um Spuren von Erinnerung, um die Auswirkungen der Politik auf das private und gesellschaftliche Leben. Er legte sich atmend auf den eisigen Boden („Breathing“, 1996) und ließ so eine dünne Eisschicht entstehen, die gleich wieder verschwand, zerschnitt all seine Bücher zu „Cultural Noodles“ (1994), berührte seinen Vater mit seiner projizierten Hand („Touching my Father“) oder schreibt ein Tagebuch mit Wasser, „Water Diary“ (1995 bis heute), baldiges Verschwinden der schriftlichen Rückblicke eingeschlossen. Die vergleichbare, vielfach variierte Arbeit „Writing Time with Water“ kann als ein Sinnbild seines künstlerischen Denkens und Handelns gelesen werden, in der das Flüchtige als Hauptakteur auftritt. Mitunter verwandelt Song Dong Realität aber auch in ein fantastisches Schlaraffenland oder ein lautes Manifest: eine Weltkarte aus Tausenden von Süßigkeiten, eine Müllhalde mit Wildblumen, Rasen aus grüner Buttercreme, dabei sind die Besucher aufgefordert, mitzumachen, zu essen oder vielleicht auch gar nichts zu tun. Auf der Dokumenta 13 hatte sein „Doing Nothing Garden“, ein etwa sechs Meter hoher Hügel aus Schutt und organischen Abfällen, viel Zuspruch gefunden. Gras und Blumen überwucherten ihn bald, die Neon-Worte „Doing“ und „Nothing“ waren Programm. kb ❚ SONG DONG. Life is Art, Art is Life Kunsthalle, Grabbeplatz 4, 40213 Düsseldorf; Dauer: bis 13.3.2016, Di- So 11-18 Uhr; www.kunsthalle-duesseldorf.de

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