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09-2017 DORTMUND HEINZ MAGAZIN

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HEINZ Magazin September 2017, Ausgabe für Dortmund

Kiew Underground Masken

Kiew Underground Masken verbergen – Masken entlarven Einem größeren Publikum bekannt wurde der Fotograf Tobias Zielony (*1973 in Wuppertal, lebt in Berlin) mit seiner Teilnahme an der Biennale in Venedig (2015). Jetzt zeigt die von der Heydt-Kunsthalle in Wuppertal erstmals beeindruckende Lichtbilder, die 2016/17 in der Ukraine entstanden. Die Serie „Maskirovka“ (Masken) zeigt Jugendliche der Techno- und queeren Szene in Kiew. „Mask“ aus der Serie Maskirovka, 2017 „Line“ aus der Serie Maskirovka, 2017 „Shine“ aus der Serie Maskirovka, 2017 © FÜR ALLE BILDER: TOBIAS ZIELONY UND KOW, BERLIN 56 | HEINZ | 09.2017

„SPARK“ AUS DER SERIE MASKIROVKA, 2017 © TOBIAS ZIELONY UND KOW, BERLIN M askirovka (russisch: verdeckte Kriegsführung), bezieht sich hier auf die Verschleierung des russischen Militäreinsatzes in der Ostukraine. Verbergende und schützende Maskierungen sind Gasmasken auf dem Euro-Maidan, vermummte Spezialeinheiten auf der Krim, in der Technoszene und beim Spiel sexueller Identitäten. Konsequent thematisiert Tobias Zielony von Anfang an in seiner dokumentarisch-künstlerischen Fotografie das Phänomen einer Jugendkultur in so genannten „No-go-areas“ und sozialen Brennpunkten. In Plattenbauten in Halle, in der verödeten Bergarbeiterstadt Trona, in Marseille lässt er seine Protagonisten sich so inszenieren, wie sie gesehen werden wollen. Ihr Dresscode und ihre Gesten orientieren sich – mehr oder weniger beabsichtigt – an kulturellen und kommerziellen Idolen. Dadurch, dass Bilder überall stets verfügbar sind, verändern sie unser Sehen und unsere Vorstellung von uns. Identität wird fast zu einer Art Marke, die in der Pop-Community international ähnlich und überall verständlich ist. In einer ersten Bilderauswahl zur Schau sind Zielonys Porträts weit entfernt von den Reisebeschreibungen der goldenen Kuppeln der Kathedralen in Kiew. Er lenkt den Blick auf die in der Folge der Euro-Maidan- Proteste 2014 zunehmend groß gewordene alternative Kulturszene. In seiner eigenwilligen „Streetart-Fotografie“ fotografiert Zielony die Menschen, die er eine Zeit lang begleitet, als eigenständige Akteure und politische Subjekte. Er wolle sie – schreibt er in einem Interview mit Marion Meyer – in einem größeren politischen Zusammenhang verorten. „Zu den Partys kommen sehr viele verschiedene junge Menschen, Künstler, Sprayer, politische Aktivisten. Für die queere Szene sind die Clubs und Partys die wenigen öffentlichen Orte, an denen sie sich sicher fühlen können.“ Dabei geht er über gängige Klischees wie Tätowierungen und Kapuzenpullover hinaus. Bekannte Orte werden zur Bühne mit anderen, vielschichtigen Aussagen. Alles ist inszeniert und real, auf den ersten Blick wie beiläufig notiert. In „Spark“ (= der Funke) steht eine Gruppe Jugendlicher vor einer mit Graffiti beschriebenen Mauer. Die meisten Personen des Szene-Treffs haben sich von der Kamera abgewendet. Im Gebüsch vor der Mauer brennt ein Feuer. Entziffert man an der Wand die kyrillischen Großbuchstaben als „Euthanesia“, wird das Foto hochpolitisch. Eingegrenzt von Wänden und Ecken blicken die „Kids“ wie abwesend oder stolz meist an der Kamera vorbei, tragen Masken oder kehren dem Betrachter den Rücken zu. Warten sie? Leisten sie Widerstand? Aufnahmen, die bei nächtlicher, künstlicher Beleuchtung entstanden, lösen Personen fast aus der Umgebung heraus. In „Away“ fokussiert Zielony Jugendliche, denen ein Zaun Sicht und Weg versperrt. In „Line“ warten Jugendliche vor dem Eingang zu einer Techno-Party in bläulichem Licht. Ein Gesicht wird von nur einem Handy-Display beleuchtet. Was verbindet andere, die sich in Zimmern und auf Sofas inszenieren („Apartment“, „Velvet“)? Wie mit einer zweiten Haut tätowiert steht „Andrej“ vor einer leeren Wand. Inszeniert er sich als Rebell, der gleich erschossen wird? Oder ist es ein Remake auf Fotografien des nächtlichen Paris und der „Unterwelt“ des Franzosen Brassai (1899-1984). Zielony lernte sein Handwerk an der University of Wales und in der Fotoklasse von Timm Rautert in Leipzig. In der Tradition der Kunst- und Dokumentarfotografie, die eigene Methoden der Gesellschaftsanalyse entwickeln will, hinterfragt Zielony die Grenze zwischen Wirklichkeit, Illusion und subjektiver Interpretation. Er gilt als Nachfolger von Fotografen wie Wolfgang Tillmans, Larry Clark, Nan Goldin, Man Ray und August Sander (1876-1964). Kuratorin Beate Eickhoff gelingt eine klug konzipierte Schau vor dem Hintergrund, dass die jüngsten politischen Entwicklungen sowie die Einmischung der Russen in die inneren Angelegenheiten der Ukraine als traurige Travestie gesehen werden können, „bei der alles möglich ist, aber nichts wirklich zu sein scheint. Bei der es kein Richtig oder Falsch mehr gibt.“ Deutlich wird dies auch durch eine Stop-Motion-Animation mit Bildern, die Zielony in der Ukraine aufgenommen hat, und Texten aus Interviews mit Protagonistinnen der Revolution. Dr. Barbara Wucherer-Staar ❚ TOBIAS ZIELONY – Haus der Jugend, Fotografie und Video Von der Heydt-Kunsthalle, Geschwister- Scholl-Platz 4-6, 42275 Wuppertal-Barmen, Dauer: 10.9.-14.1.2018, Di-So 11-18 Uhr; Künstlergespräch mit Tobias Zielony am 23.11., 19 Uhr; www.von-der-heydt-kunsthalle.de Besuchen Sie einen der schönsten Biergärten der Innenstadt Montag – Sonntag ab 11 Uhr geöffnet am Markt www.wenkers.de

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