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02_2020 HEINZ MAGAZIN Bochum, Herne, Witten

BÜHNE | TIPP DESMONATS

BÜHNE | TIPP DESMONATS Ein erschreckender Sonnenschein Comedy und Kunst Patrick Salmen startete seine Karriereauf denPoetry- Slam-Bühnen der Region, liest inzwischenaberinganz Deutschland vorausverkauftenHäusern. LukasVering erzählt er,warum er lieber Schreiberling als Rampensauist,was ihn in Ekstaseversetztund warumihm alteDamen Pfandflaschen in denBuggy legen. 60| HEINZ |02.2020

©Fabian Stuertz |Photographer Warum hast du dich entschieden, Bühnenmensch und Buchschreiber zu werden –und dein Lehramtsstudium dafür abzubrechen? Daswar eigentlich nieeinebewussteEntscheidung.Ich habe schon immer gerne Geschichten geschrieben und irgendwann konnte ich plötzlichdavon leben, weil Menschen meine Büchergekauft haben oder zu Showsgekommen sind. Wasinspiriert dich mehr zumTexten–Menschenoder Dinge? Es gibt vieles, was mich inspiriert. Menschliches Handeln, Widersprüchlichkeiten inder eigenen Moralvorstellung, Sprache, gesellschaftliche Entwicklungen, Urbanität, Kulturen, Kunst, aufgeschnappteGesprächsfetzen im Zugoder in Cafés... BistdueherRampensau oderSchreiberling? Eher Schreiberling. Auch wenn ich wahnsinnig gerne vorlese und es genieße, Menschen zum Lachen zu bringen, ist esmir bis heute fast ein bisschen unangenehm, so sehr im Mittelpunkt zu stehen. Manchmal fehlt mir da das Selbstbewusstsein. Aber noch unangenehmer wäre es mir, wenn jemand anderes meine Texte auf der Bühne präsentieren würde. Dein neuesProgrammzum im Dezember erschienenenBuch heißt„Ekstase“–was versetzt dichdenn in ekstatischeZustände? Nette Menschen und gutes Essen! Bratkartoffeln versetzen mich in einen Zustand von Trance den jedwede Designerdroge nie erreichen könnte. Dein letztes Buch hieß„Treffensich zwei Träume.Beide platzen“–welche deiner Träumesind dennschongeplatzt? Da gibt es einige! Früherwollteich sehr gerneseriöserRomanautor werden,aberdurch meineNeigung zu Albernheit und absurderKomik habe ich mir den Weg wahrscheinlich jetzt schon verbaut. Für das Feuilletonbin ichjetztder „Comedy-Typ“.Für die Comedy-Branchewiederrum bin ichder dubiose Vorleseonkel. Mittlerweile istmir das aber relativ egal und ich versuche im Graubereich zwischen ernster und unterhaltender Kunst irgendwiemeinDingzumachen. EineLeserkritik auf amazon.de –wie manweiß,der Maßstaballer Dinge– bemängelt, dass dein „Blick für die Details unserer Gesellschaft“ leider „ausschließlich negativ“ sei. Istdas so? Ohne dieses Interview hätte ich von dieser Kritik jedenfalls nie erfahren. Werde da nun vermutlich länger drüber nachdenken, als es mir lieb ist. Wenn man mein Buch immer abwechselnd mit einem Glücksratgeber vonEckhart vonHirschhausenliest, müsstesichdas aber vermutlich im Neutralen einpendeln. „Bratkartoffeln versetzenmich in einen Zustandvon Trance denjedwedeDesignerdrogenie erreichen könnte.“ Auf viele Arten kreativ: Patrick Salmen ©Fabian Stuertz |Photographer. Kann ein negativerBlick denn trotzdemein humorvoller sein? Im menschlichen Scheitern steckt schon wesentlich mehr Komik als inErfolgsgeschichten. „Heute aufgewacht, Sonne scheint, Leutenett,allessuper!“ –willdoch keiner hören. Ehrlich gesagt, finde ich meinen Blick aber überhaupt nicht sonegativ. Vielleicht überwiegtmanchmaleinegewisse Grundskepsis, aber ich sehe mich eher weniger als zynischen Dauernörgler. Das wäre ehrlich gesagt sogar mein größter Albtraum, irgendwann so einen reaktionären Kabarettduktus zu bekommen! Freunde und treue Leser von mir sagen sogar, mein Grundton sei positiver als jemals zuvor. Sie waren nahezu erschrocken, was für ein lebensbejahenderSonnenscheinaus mirgeworden ist. Du fühlstgerne aktuellenTrenderscheinungenauf den Zahn –von Street Food über Achtsamkeits-Appsbis Hygge kriegenalle ihr Fett weg. Spürst du schon,was dernächste Trendwird? Das weiß ich nicht. Meine Kritik gilt aber weniger den eigentlichen Trends, als vielmehr dem Umgang damit. Achtsamkeit ist zum Beispiel etwas wahnsinnig Wichtiges und wir alle tun gut daran, uns wieder mehrRuhezeiten einzugestehen und zu lernen,aktiv Langeweile zuzulassen. Mich nervteherdie ganzeInszenierung und dieseRatgeberkultur,die sofort alles zurReligion erhebt und dann irgendwelche überbezahlten Lifecoaching-Eumel ausbrütet. Esist doch eigentlich sehr simpel: Rausgehen, Handy aus, Schnauzehalten. Undatmen nichtvergessen. Du kommstaus Wuppertal–was verbindest du mitder Stadt? Wassind deineLieblingsflecken? DiemeisteZeit habe ichimLuisenviertel gelebt. Mein Lieblingsfleck in Wuppertal ist aber definitiv die Nordstadt. Ein pluralistischer Ort vollerMöglichkeiten. Vorallem dasganzeUtopiastadt-Projekt hates mir sehr angetan. Mit welcher Leidenschaft dort aktiv Stadtteilentwicklung betrieben wird, ist beeindruckend! Vielleicht sogar das Herz der Wuppertaler Kulturszene. Du hast langeinDortmund gelebt –ist dieStadt ein guterStandortfür eine Karriereauf der Bühne? Ich habe etwa sechs Jahre in Dortmund gelebt. Für das Tourleben ist das Ruhrgebiet optimal, durch die zentrale Anbindung erreicht manganzDeutschland unkompliziert. VorvierMonaten binich umgezogen. Eigentlich wollteich nach Wuppertal,bin aberinSchwelm gelandet.Bisweilen erweistsichdas Kleinstadtleben alskrasserKontrastzuden urbanenSzenebezirken. Neulich habe ich meinen Sohn zur Kita gebracht und auf dem Rückweg hat mir eine ältere Dame eine Pfandflasche in den leeren Buggy gelegt. Entweder sind die modernen Rollenbilder noch nicht zuihr vorgedrungen oder ich solltemichmal wieder rasieren.Aberich genießedie Ruhe hier.Wobei ich auch Angst habe, seltsam zu werden. Neulich habe ich mir eineMultifunktionsjackegekauft.Der Anfang vomUntergang! Du hast schon mit Torsten Sträter und Quichotte zusammengearbeitet. Mitwem würdestdunoch gerne kollaborieren? Ichmag die Symbiose vonLiteratur und Musik, daher:Mit Jonas Davidund JanRöttgerhabeich bereits einigeschöneGigsgehabt.Mit Horst Wegener würde ich gerne zusammenarbeiten. Außerdem ist seit langer Zeit schoneineTourmit Enno Bunger geplant. Nach Rap-Projekt, Rätselbuch und Kinderliteratur–was stehtjetzt an? Tatsächlich arbeite ich seit langem aneinem Roman. Um den fertigzuschreiben, werde ich aber eine längere Bühnenpause benötigen. Ansonsten habe ich mir fürs neue Jahr vorgenommen, etwas weniger zu arbeiten, um mehrZeitfür Freundeund Familie zu haben. ❚ PATRICK SALMEN Zeche Carl,Wilhelm-Nieswandt-Allee100, Essen; Termin: 22.2.,ab20Uhr 02.2020| HEINZ |61

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