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11_2019 HEINZ MAGAZIN Dortmund

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KONZERTE| TIPP DES

KONZERTE| TIPP DES MONATS Abseits von Schubladen Überraschendes Multitalent Till Brönner ist nicht nur Jazz-Trompeter und-Sänger,sondern auchFotograf. Im Ruhrgebiet tritt er dieses Jahr mitbeiden Seiten in Erscheinung: SeineFoto-Ausstellung„Melting Pott“ warinDuisburgzusehen, im spätenHerbst spielt er sein Weihnachtsprogramm„Better than Christmas“. Vorher sprachernochmit MaxFlorian Kühlem. I hr Weihnachtsprogramm mussteimFrühjahr undSommer einstudiert werden. Wie schafft man es, wenn draußen alles sprießt, weihnachtliche Stimmungaufkommen zu lassen? Dazu braucht man viel Humor. Esist schon lustig, sich imSommer zusammenzufinden, ein Kerzchen anzuzünden und zusagen: Esist doch ein Wahnsinn, dass wir jetzt „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ vor der Nase haben. Aber man kann das schaffen. Und jeder Abstand zur Musik ist auch hilfreich, um am Ende dem Kern auf die Spur zu finden. Wasist Ihr Lieblings-Weihnachtsalbum? Puh, das istschwerzusagen.Esgibt einige, diemit ganzgroßerLiebe gemacht sind. Eins ist ganz klar: das Frank-Sinatra-Album. Aber Dean Martin und Chet Baker haben auch großartige Weihnachtsalbengemacht. ne große Quelle für diese Songs sind allerdings auch die Zeichentrickfilme von Disney. Wenn es bei Pluto und Goofy umWeihnachten geht, war eseben sofort sehr klassisch-amerikanisch. Insofern würde ich sagen, ich bin durchs Fernsehen mit so etwas sozialisiert und bekanntgemacht worden. Für Ihre Konzerte wurde angekündigt, dass Sie Weihnachtslieder ohne Kitsch spielen werden.Wie soll dasgehen? In Titeln wie„We WishYou a Merry Christmas“ istder Kitsch dochquasi schon einprogrammiert. Wirwollenmit so einerAnkündigung natürlichein bisschenneugierig machen. Ich glaube auch nicht, dass das alles ganz ohne Kitsch geht. Aber man muss Weihnachten und die Musik auch mit einem zwinkerndenAuge sehenund Spaßdaran haben. Kitsch und Humor dürfen dabei nicht fehlen, sonst sollte man sich ein anderes Thema suchen. SindSie mitden amerikanischen Weihnachtsliedern aufgewachsen oder kamendie irgendwannspäter dazu? Diewurden mir eher durchdie Jazzwelt nahe gebracht. Da hat man irgendwann angefangen, die Alben derStars zu studieren und dann kamzum Beispiel immer wieder „Santa ClausiscomingtoTown“.Ei- WelchesVerhältnishabenSie generell zumKitsch?Bei Ihren großen Konzerten könnte manmeinen, Siegehenihm manchmal nicht unbedingt aus dem Weg… Wie man Kitsch definiert, ist ja Geschmackssache. Wenn man sieht, dass2500 LeutebeseeltnachHause gehen,mussman dannschon 56| HEINZ |11.2019

©Ali Kepenek davon ausgehen, dass genug Kitsch dabei war? Oder kann man in Deutschland vielleicht einfach nichtgut damit umgehen, dasseiner macht, was in seiner Schublade nicht für ihn vorgesehen ist –dass einer halt mehrere Sachen kann? Sie haben schon einen Echo inden Bereichen Jazz,Pop und Klassik erhalten –weilSie in keine Schubladepassen wollen? Ich habe den Anspruch, die Dinge, die ich mache, gut zu machen –auf allen Gebieten. Und wenn ich ein Konzert zu Weihnachten gebe und die Leute gehen raus und sagen: „Festlich war esnicht und die Stücke habe ich auch nichterkannt –aber es warwohlein Weihnachtskonzert“,dannwürde ich sagen: Das ist nicht gut gemacht. Natürlich gehört es zum Auftreten dazu, die Leute auch herauszufordern und mal etwas Unerwartetes zu machen. Es ist für mich kein Widerspruch, dasselbe Konzert dann mit „Happy“ vonPharrellWilliams zu beenden und für guteLaune zu sorgen.Aberwennich mit Dieter IlgimDuo auftrete und wirspielen abstrakt,dannwähle ichdie Orte anders underwarte auch nicht, dass2500 Leutekommen. Da sehe ich jetzt aber nicht, woSie Ihrem Publikum etwas zumuten. Es klingteher, als wolltenSie möglichstgut Erwartungenerfüllen. Alles zum richtigen Zeitpunkt. Ich kann ja nicht indie Philharmonie Berlin gehen, ein Konzertankündigen unterdem Titel„TheGood Life“ und dann sagen: Ihr interessiert mich alle nicht. Wenn ich allerdings im gleichen Konzert etwas Freies, Abstrakteres spiele, ist das in diesem Kontext auch für ungeübtere Ohren eine angenehme Überraschung.Esgibt eben drei,vier Seiten vonTillBrönner und ich weiß,dassesinDeutschland manchmalschwierigist,Künstlern das zuzugestehen.Ich glaube, es hängt am Endedes Tagesein bisschen damit zusammen, wie öffentlich man seine persönliche Entwicklung vollzieht. Es gibt Künstler, die machen bis sie 50 Jahre alt sind kein Album, weil sie glauben, immer noch nicht reif dafür zu sein und noch warten zu müssen. Ich habe mit 20 Jahren angefangen, Alben zu veröffentlichen und würde rückblickend vielleicht nicht mehr alles genauso wiederholen. Aber das war eben die Zeit und ich trage mit Freude die Verantwortung dafür, dass ich den Menschen zudieser Zeit ein bestimmtes Bild von mir gegeben habe. Das Bild verändert sich wie der Mensch selbst, aber aus der Schublade, die sich mit den rechnerisch erfolgreichsten Alben aufgetan hat, kommt man schwer wieder raus.Jazzwar es allemal. Eine überraschende Seitevon Till Brönner ist der Fotograf. ImMuseum Küppersmühle für Moderne KunstDuisburgsah manzuletzt Ihre Ausstellung„MeltingPott“ mitFotografien ausdem Ruhrgebiet.Wie gehen beiIhnen Fotografie undMusik zusammen? Die Kunstformen ergänzen sich meines Erachtens sehr gut, weil sie eigentlich ©Patrice Brylla „Man könnte sogar sagen, das Bild, das Menschenaus anderenRegionen über das Ruhrgebiet im Kopf haben, istdas größte Handicap fürdie Region.“ garnicht zusammengehen. Mankönnte sagen, wasmichander Fotografie reizt ist, dass ichmichtatsächlich in denHintergrund begeben kann, dass meine beobachtende und eher uneitle Seite inden Vordergrund tritt. Zwischen zwei Polen zustehen ist es, was ich so genieße: Exponiertund hoffentlich im besten Zustand auf die Bühne zu gehen ist das Eine –als Fotograf kann ich möglicherweise sogar unerkannt beobachten und im Nachhinein entscheiden, was ich sichtbar mache. Dasist einewunderbareErgänzung. HatIhnen die Fotografie auch einen Zugang in die Welt des Jazz verschafft? Es gibt ja sehr ikonische Bilder, die ein Gefühl dafür geben, was Thelonious Monk oder Chet Bakervielleichtfür Typenwaren. Ichwürde sogarsoweit gehen, zu sagen, dassder Erfolg vonJazz in vielen Dekaden von der Fotografie gar nicht zu trennen war. Nicht wenige Fotografien und berühmte Fotografen haben für den Jazz genauso viel getan wie die Künstler. Diese Ästhetik des Schwarz- Weiß, die Anzüge, der Rauch –heute herrscht jaüberall Rauchverbot –diese Bilder sind um die Welt gegangenund habenbestimmte Klischees zutagegefördert, Posenvervielfältigt. Wie langehattenSie Zeit,das Ruhrgebietkennenzulernen? Ich hatte ziemlich genau ein Jahr Zeit, habe mich amRand, in Düsseldorf, einquartiert und bin von dort immer wieder in die Region gereist. Wie habenSie denRuhrgebietsmenschen kennengelernt –und kann man über Ihnnach so einer Zeit schon eineAussage treffen? Ich war natürlich in dem Jahr nicht jeden Tag da, aber das muss man glaube ich auch nicht. „Melting Pott“ ist meine ganz persönliche Sicht auf die Region. Ich erhebe nicht den Anspruch, Chronist oder Wissenschaftlerzusein.Anfangswar ich etwas frustriert, weil ich die Bilder, die ich imKopf hatte, gar nicht fand. Erst als ich begann, diese Bilder zu verabschieden, und einfach fotografierte, was mir begegnete, da begann etwas zuentstehen und es wurde künstlerisch spannend für mich. Mir sind soviele Türen geöffnet worden und es war die Liebe zum Ruhrgebiet alsHeimat, die ichals stärkstesGefühl der Menschen wahrgenommen habe.Man könnte sogarsagen,das Bild,das Menschen aus anderen Regionen über das Ruhrgebiet im Kopf haben, ist das größte Handicap für die Re gion. Wenn ich die Leute fragte, ob sie ihr Umfeld nicht ein bisschen trist oder grau fänden, dann kam sofort zurück: „Ja, das glauben Sie, aber ich nehm Sie gerne mal mit!“ Unddann habensie mir ihre Lieblingsorte gezeigt. Das war herzerwärmend –und im Übrigen ist das Ruhrgebiet auch ein Vorbild,was Integration angeht. ❚ TILL BRÖNNER –Better Than Christmas Tour 2019 Konzerthaus,Dortmund; Termin: 23.11., ab 21 Uhr HistorischeStadthalle,Wuppertal; Termin: 1.12., ab 19 Uhr 11.2019| HEINZ |57

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